Wir arbeiten an einem historisch bedeutsamen Ort, das wussten wir : Die Schule auf der Veddel wurde 1928/29 von Fritz Schumacher erbaut und in einem ihrer Flügel wurde die Bücherhalle untergebracht. Es handelte sich um die erste Freihandbücherei für Arbeiter in Deutschland.

Wie sehr unser Arbeitsansatz dem von Gertrud Seydelmann geb. Rosenbaum (geb. 1913 in Köln) ähnelt, haben wir dagegen erst in den letzten Jahren entdeckt, als wir ihr Buch „Gefährdete Balance. Ein Leben in Hamburg 1936-1945“ lasen. Gertrud Seydelmann trat 1936 ihre erste Stelle als Bibliothekarin bei den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen an und war ab 1939 Leiterin der Bücherhalle Veddel. Bei der Lektüre folgender Seiten fühlten wir uns eindrucksvoll an unsere eigene Arbeit erinnert ...

Aufgenommen an genau der Stelle, an der heute unser Pult stehtAls ich anfing, auf der Veddel zu arbeiten, zuerst als Assistentin, dann ab November 1938 als Leiterin, umfaßte der Bestand achthundert Kinderbücher und circa vierhundert Bände Erwachsenenliteratur. Für den Kauf der Bücher stand mir ein bestimmter Etat zu Verfügung. Dabei war ich völlig frei in der Auswahl und Zusammensetzung des Bestandes. Ich ging zu den mir zugewiesenen Buchhändlern und kaufte den Normalbestand dort vom Regal. Ich legte Bestelllisten an, die ich mir hauptsächlich am Bestand der Bücherhalle Eppendorf erarbeitet hatte. In den Sachgebieten legte ich Wert auf gut verständliche, informative Literatur und grundlegende Standardwerke. In der schönen Literatur kam neben der großen auch die Unterhaltungsliteratur nicht zu kurz. Dabei war der Qualitätsanspruch an die Unterhaltungsliteratur höher als heute. Wir kauften keine Kriminalromane und keine Schnulzen. Wir wollten „bilden“, und für diese Primitivliteratur sollten die Steuergelder nicht ausgegeben werden. Das sollten die Menschen sich selbst kaufen. Es gab keinen Wallace, keine Marlitt und keinen Karl May. Ob das richtig war, wage ich nicht zu entscheiden. Für mich bestand damals gar kein Diskussionsbedarf: Da ich nicht genug Geld hatte, um alles, was ich gut fand, zu kaufen, verzichtete ich gerne auf das Minderwertigere und förderte lieber Bücher, die einen bestimmten Level nicht unterschritten. Der Kinderbücherei galt dabei meine ganze Liebe.

Die Bücherei umfaßte drei Gebiete: die Abteilung für Erwachsene, unterteilt in schöne Literatur und Sachliteratur, die Kinderbücherei und die Jugendabteilung für die Vierzehn- bis Sechzehnjährigen. Die schöne Literatur war alphabetisch nach Verfassern aufgestellt. Die Sachliteratur war systematisch geordnet, so wie es den Leserbedürfnissen und den Wissensgebieten entsprach. Die Kinderbücher standen nach Altersstufen und nach Sachgebieten. Der Auswahlbestand der Jugendabteilung war alphabetisch nach Verfassern sortiert.

Am wichtigsten war für mich der persönliche Kontakt mit den Lesern, unabhängig von allen Katalogen und sonstigen Instrumentarien. Ich war während der Ausleihstunden möglichst immer im Publikumsraum. In ruhigeren Zeiten hatte ich dabei einen Bücherwagen mit neuen Büchern an den runden Tisch gerollt, saß da und arbeitete, wenn kein Leser nach mir verlangte. War es lebhaft, so verschwand dieser Wagen im Büro, und ich ging im Raum umher, kümmerte mich um die Kinder, die Jugendlichen, die Erwachsenen, wartet nicht, bis sie mich fragten, sondern ging auf sie zu, meine Hilfe anbietend. Jeder neue Leser wurde von mir in die Benutzung der Bücherei eingeführt; und es war selbstverständlich, daß ich jederzeit zur Beratung zur Verfügung stand.

Aber das war mir nicht genug. Auch über die Schule versuchte ich, neue Leser zu gewinnen. Die Bürotür, die auf den Flur der Schule führte, war nie abgeschlossen. Die Lehrer kamen und gingen, wie sie wollten und konnten. Sie holten sich persönlich Literatur. Ich stellte Blockausleihen zu Unterrichtsthemen zusammen. Die Klassen kamen und arbeiteten in der Bücherei. Jede Klasse wurde geschlossen in die Benutzung der Bücherei eingeführt. Wenn die Kinder in der Bücherei umhergingen, sich informiert und geschmökert hatten, versammelte ich sie zum Schluß und las ihnen eine Viertelstunde aus einem ihrem Alter gemäßen oder zum Unterricht passenden Buch vor. Das fanden sie immer spannend und attraktiv. Diese Gewohnheit erweiterte ich mit der Zeit zu richtigen Vorlesestunden. Sie waren ganz schnell überlaufen, so daß ich da Vorlesen nach den Interessen der Größeren und Kleinen getrennt durchführen mußte. Bei den Kleinen hatte ich dabei immer eins auf dem Schoß und eins am Rockzipfel hängen. 

 

Seydelmann, Gertrud: Gefährdete Balance : ein Leben in Hamburg 1936 – 1945, Hamburg Junius Verlag, 1996, Seite 64-65

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